Nachgefragt...
bei Dipl.-Ing. Peter Hanisch
Geschäftsführender Gesellschafter
DonauConsult Ingenieurbüro GmbH
Ist die Stromerzeugung der einzige Zweck eines Hochgebirgs-Speichersees?
Nein – und das wird künftig noch deutlicher. Hochgebirgs-Speicherseen zählen zu den wirksamsten Werkzeugen, um die Folgen des Klimawandels für die jahreszeitliche Wasserführung unserer Flüsse abzufedern.
Bislang hat die Schneeschmelze im Frühjahr in der Regel dafür gesorgt, dass die Niederwasserzeit in den Flüssen der Alpen und Voralpen nicht allzu früh beginnt und dass die Grundwasserspiegel in den Talauen nicht nach und nach absinken. Der Winterschnee, bevorzugt jener auf den Gletschern, wirkt also als natürlicher Zwischenspeicher.
Genau dieser Speicher schwindet. Fallen die Niederschläge im Winterhalbjahr häufiger und bis in größere Höhen als Regen und werden sie nicht mehr in der Schneedecke festgehalten, dann sind sie für die von Grund auf niederschlagsärmeren Sommermonate verloren. In Einzugsgebieten mit nennenswerter Vergletscherung ergänzt oder ersetzt die Gletscherschmelze mit zunehmender Erwärmung das fehlende Schneeschmelzwasser. Diese Vorräte sind allerdings begrenzt: Selbst mit aufwändigen Schutzmaßnahmen, wie sie derzeit in Gletscherskigebieten üblich werden – etwa das Abdecken mit reflektierenden Folien –, lassen sie sich bei unverändertem Temperaturanstieg nicht weit über die 2050er-Jahre hinaus halten.
Hier setzen die Speicherseen im Hochgebirge an. Ganzjahresspeicher können einen Teil dieser Verluste schon heute ausgleichen: Sie nehmen die Frachten aus den Winterregen und der Schneeschmelze im Frühjahr und Frühsommer planmäßig auf und halten sie für die niederschlagsärmere Zeit im Sommer und Herbst bereit. Darüber hinaus werden die verfügbaren Speicherseen im Hochgebirge künftig zunehmend die Speicherfunktion der Gletscher übernehmen müssen.
In der Schweiz wird bereits seit Jahren untersucht, nach welchen Kriterien Mehrzweckspeicher als Ersatz für die natürlichen Gletscherspeicher zu planen und zu errichten sind und welche Standorte sich dafür besonders eignen. Angesichts der aktuellen Klimaprognosen – einer Verschiebung der Niederschläge vom Sommer- ins Winterhalbjahr und häufigeren, intensiveren Extremniederschlägen – gilt dieser Weg als eine der nachhaltigsten Strategien im Umgang mit den Folgen des Klimawandels.
Der Ausbau des Speicherkomplexes Gepatsch um den Pumpspeicherkraftwerkskomplex Versetz vergrößert diese Möglichkeiten erheblich.
Bleibt das Wasser, das im Speicher zurückgehalten wird, dem Fluss und dem Grundwasser erhalten?
Wasser, das in einem Speichersee zurückgehalten wird, ist keinesfalls für den weiteren Wasserkreislauf verloren, im Gegenteil: Selbst wenn es eines Tages als Triebwasser aus einem Ganzjahresspeicher wie Gepatsch durch die Turbinen läuft, bleibt es selbstverständlich im Gewässersystem und trägt zur Dynamik des Ökosystems Fließgewässer bei. Ein Großteil des Wassers, das in niederschlagsreichen Zeiten zurückgehalten wird, kommt in der trockeneren Saison zum Einsatz und verbessert so das Abflussregime der Flüsse. Vor allem die neuen Regeln zur Schwall- und Sunk-Dynamik sorgen dafür, dass die Belastungen für die Gewässerlebewelt flussabwärts möglichst gering bleiben.
Und sogar wenn das Wasser einmalig zur Füllung eines Pumpspeicherbeckens wie beim Speicher Platzertal eingezogen wird, sind von den Zuflüssen zu Gepatsch und Platzertal – ohne Berücksichtigung der Beileitungen aus Radurschlbach und Pitze – lediglich rund 20 Prozent eines mittleren Jahresdargebotes betroffen. Das ist deutlich weniger als die natürliche Schwankungsbreite der Wassermengen, wie sie sich aus den letzten Extremjahren ergeben hat. Auch dieses Wasser verbleibt im Fließgewässersystem. Es dient lediglich als „blaue Batterie", um Strom aus anderen erneuerbaren Quellen zu speichern, und trägt damit ebenso zur Verringerung der CO₂-Belastung bei wie das Triebwasser aus dem großen Jahresspeicher.
Das Fazit: Auch die einmalige Füllung des Pumpspeicherbeckens ist nicht verloren, sondern bleibt im Gewässernetz. Sie speichert im Sinne einer „blauen Batterie" andernorts gewonnene erneuerbare Energie und leistet so einen wesentlichen Beitrag zur Senkung des CO₂-Ausstoßes.
Bleibt neben der Energiegewinnung noch Platz für den Hochwasserrückhalt?
In erster Linie ist das Pumpspeicherkraftwerk Versetz eine Anlage zur Gewinnung erneuerbarer Energie. Doch schon der Eigenschutz der Anlage verlangt Vorkehrungen, von denen auch die Menschen flussabwärts profitieren.
Große Stauanlagen unterliegen in Österreich einer besonders strengen Prüfung. Übersteigt ein Speicher bestimmte Schwellenwerte – mehr als 500.000 m³ Inhalt und mehr als 15 Meter Stauhöhe –, muss schon die Planung der unabhängigen Staubeckenkommission vorgelegt werden. Diese prüft nicht nur die Standsicherheit im laufenden Betrieb, sondern auch, ob die Anlage im Überlastfall sicher bleibt. Nachzuweisen ist das für ein „Bemessungshochwasser", wie es statistisch alle 5.000 Jahre auftritt, und für ein „Sicherheitshochwasser" im 10.000-Jahre-Maßstab.
Im Bewilligungsverfahren wird ein bei Bedarf saisonal angepasstes Freihaltevolumen festgelegt. Das ist ein bewusst leer gehaltener Rückhalteraum im Speicher. Wie wirksam das ist, hat sich zuletzt im Juli 2026 am Speicher Gepatsch gezeigt. Dort ließen sich die Folgen eines signifikanten Hochwassers – stärker als ein hundertjährliches Ereignis – für die unmittelbaren Unterlieger nahezu vollständig abfangen. Der Rückhalteraum in der „Hochwasser-Lamelle" des Sees war so groß, dass unterhalb des Damms nur geringfügig erhöhte Abflüsse auftraten.
Ähnliches wird für den Speicher Platzertal gelten. Der Platzerbach, ein Zubringer des Tösnerbachs, trägt heute rund die Hälfte des insgesamt 36,5 km² großen Einzugsgebiets bei; davon wird der Speicher Platzertal mit 8 km² ein Viertel des Gesamteinzugsgebiets erfassen. Für dieses Wasser und für Beileitungen aus dem Gepatschspeicher steht im Speicher Platzertal in einer Hochwasser-Lamelle von sieben Meter Höhe ein Rückhalteraum von rund 6 Mio. m³ bereit – deutlich mehr, als selbst für ein hundertjährliches Hochwasser aus dem Platzerbach angenommen wird.
Das verbleibende Volumen dient damit für Überleitungen aus den Einzugsgebieten des Gepatschspeichers. Diese können im Hochwasserfall länger in Betrieb bleiben und senken so den Hochwasserabfluss im Radurschelbach und in der Pitze. Für die unmittelbaren Unterlieger an der Fagge und am Tösnerbach bedeutet das eine erhebliche Verbesserung der Hochwassersituation, in geringerem Umfang auch an den beiden von den Überleitungen erfassten Flüssen.
Die gute Nachricht: Das große, bei Bedarf saisonal angepasste Rückhaltevolumen in den Staubecken bringt den unmittelbaren Unterliegern am Nebenfluss erhebliche Vorteile für einen Hochwasserschutz nach dem Stand der Technik. Diese Festlegung ist bereits in den Einreichunterlagen des Projekts dokumentiert und wird damit Teil der wasserrechtlichen Bewilligung.
Eines ist an dieser Stelle wichtig: Für den Inn lässt sich ein vergleichbarer Nutzen für den Hochwasserschutz nicht ableiten. Zwar ist die entlastende Wirkung rechnerisch noch bis in den unmittelbaren Mündungsbereich im Inn nachweisbar, verliert aber je nach Wetterlage und Verteilung der Niederschläge rasch an Bedeutung. Hochwasser am Inn entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Zubringer – und bei manchen Ereignissen trägt ein einzelner Zubringer gar nichts bei, sodass auch sein Rückhalteraum nicht wirksam wird. Das Retentionspotenzial einer einzelnen Stauanlage in einem Seitental entbindet die Siedlungen am Inn daher nicht davon, eigene Schutzmaßnahmen umzusetzen.
bei Ing. Larl-Zögernitz Lukas MSc
Bereichsleiter Energiehandel und Energiewirtschaft
TIWAG
Ein Pumpspeicherkraftwerk funktioniert wie eine große grüne Batterie in den Bergen – aber wer entscheidet eigentlich, wann das Wasser nach oben gepumpt und gespeichert wird und wann es wieder nach unten zur Energieerzeugung fließt? Ist das ein Mensch, der auf einen Knopf drückt, oder passiert das automatisch?
Die Entscheidung, ob Wasser hochgepumpt oder zur Stromerzeugung genutzt wird, trifft letztlich immer ein Mensch: Fachleute bewerten Wetter- und Zuflussprognosen, Anlagenverfügbarkeiten sowie Strombedarf und -angebot in Tirol, Österreich und Europa.
Dabei unterstützen modernste Systeme die Analyse, die Verantwortung und die finale Entscheidung liegen jedoch bei den ExpertInnen, um im europäischen Strommarkt volkswirtschaftlich sinnvoll und wertschöpfend für Tirol zu handeln.
Wir sind öfter mit Dunkelflauten konfrontiert. Wie lange können Speicher- und Pumpspeicher solche Lücken füllen, wenn es zu wenig Strom aus Wind und Sonne gibt? Funktioniert das auch mit Batteriespeichern?
Moderne Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke der TIWAG – wie das sich derzeit in der finalen Bauphase befindliche Projekt im Kühtai sowie das geplante Ausbauprojekt im Kaunertal – sind so ausgelegt, dass sie im Extremfall, unter Berücksichtigung der jahreszeitlich schwankenden Zuflüsse, über mehrere Tage bis hin zu wenigen Wochen Energie bereitstellen können und damit einen wesentlichen Beitrag zur Überbrückung von Dunkelflauten leisten. Batteriespeicher werden heute meist so ausgelegt, dass sie Energie nur für wenige Stunden speichern und wieder abgeben können, weshalb ihr Beitrag bei längeren Dunkelflauten vergleichsweise begrenzt ist.
Pumpspeicherkraftwerke können innerhalb von Sekunden in den Pump- oder Turbinenbetrieb hochgefahren werden. Wie läuft das in der Praxis konkret ab und welche Vorteile ergeben sich daraus?
Die technische Betriebsführung überwacht zentral und laufend die Sicherheit der TIWAG‑Kraftwerke sowie deren Betriebsbereitschaft. Fordern die ExpertInnen aus Energiehandel und Energiewirtschaft den Start eines freigegebenen Kraftwerks bei der technischen Betriebsführung an, sendet diese ein Startsignal über eine sichere Datenübertragung an das Kraftwerk, welches anschließend vollautomatisch in den Pump‑ oder Turbinenbetrieb startet; bei Einsätzen zur Netzstabilität kommen die Leistungsanforderungen direkt von den Übertragungsnetzbetreibern – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr.
Große Speicher sind nicht nur für die Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Hochwasserschutz. Wie werden sie in Hochwassersituationen eingesetzt ?
Beim Einsatz von Pumpspeicher‑ und Speicherkraftwerken hat die Sicherheit immer oberste Priorität – und das gilt in Hochwassersituationen in besonderem Maß. Der energiewirtschaftliche Einsatz tritt in solchen Fällen in den Hintergrund, denn entscheidend ist der Schutz von Menschen, Infrastruktur und Umwelt. Große Speicher ermöglichen es in solchen Situationen, Wasser gezielt zurückzuhalten, das andernfalls in Bächen und Flussläufen zu einer Verschärfung der Hochwassersituation beitragen könnte. Die konkrete Betriebsweise wird während solcher Ereignisse laufend und eng abgestimmt – zwischen internen ExpertInnen, insbesondere mit den weisungsfreien Talsperrenverantwortlichen, sowie mit Behörden und weiteren zuständigen Stellen –, um jederzeit ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten.
bei Univ.-Prof. Dr.
Christian Helmenstein
Professor für Volkswirtschaftslehre der Privatuniversität Schloss Seeburg
Mitglied des Vorstandes/Geschäftsführer Economica Institut
Chefökonom der Industriellenvereinigung
Welche Bedeutung hat die Energiewende für den Standort Österreich?
Die Transformation des Energiesystems bis 2040 hat enorme Investitionen in die Erzeugung und in die Netze zur Folge. Insgesamt sollen in den kommenden 15 Jahren 100 Milliarden Euro in die Energiewende fließen. Zum Vergleich: Die österreichische Industrie investiert pro Jahr acht Milliarden Euro. Das zeigt, dass die Transformation des Energiesystems als Konjunkturturbo fungieren kann. Voraussetzung sind aber natürlich die notwendigen Rahmenbedingungen. Fakt ist: Wir brauchen leistbaren Strom. Hier ist die optimale Arbeitsteilung der Bundesländer gefragt. Der Osten Österreichs verfügt über hervorragende Bedingungen für die Windkraft, während der Westen mit seiner Topografie ideale Voraussetzungen für Pumpspeicher bietet.
Welche konkreten wirtschaftlichen Impulse bringt der Pumpspeicher Versetz?
Das Investitionsvolumen für den Pumpspeicher Versetz beträgt rund 1,5 Milliarden Euro. Durch die Investitionen kommt es zu fast einer Milliarde Euro an Bruttowertschöpfung in Tirol. Das ist ein sehr substanzielles Volumen. Bei den Bauleistungen entfallen vier Fünftel der Wertschöpfung auf Tirol. Dazu kommen beträchtliche Impulse für den Arbeitsmarkt. Rund 3.000 Menschen werden über sieben Jahre hinweg intensiv an der Energiezukunft arbeiten, einige hundert davon auf den Baustellen selbst. Unter dem Strich schafft das Projekt während der Bauzeit 20.000 Jahresarbeitsplätze.
Welchen Stellenwert hat der Pumpspeicher Versetz aus Ihrer Sicht für das künftige Energiesystem?
Der Pumpspeicher Versetz ist ein Leitprojekt für die nationale Energiewende und spielt eine bedeutende Rolle für das künftige Energiesystem, in dem wir nicht nur deutlich mehr Energie, sondern auch eine hohe Flexibilität bei der Stromerzeugung und -speicherung benötigen. Im Betrieb kann der Pumpspeicher Versetz dank seiner Speicherfunktion mehr als 1 TWh Strom pro Jahr überwiegend aus volatilen Energiequellen (Photovoltaik und Windkraft) ins Netz einspeisen. Dabei vereint er die drei wesentlichen Elemente für die Energiezukunft: Erzeugung, Verteilung und Speicherung – und das unter Nutzung der spezifischen Tiroler Standortvorteile.
Welchen Mehrwert hat das Projekt aus Ihrer Sicht darüber hinaus?
Zentral ist der Beitrag zum Ausstieg aus den fossilen Energieträgern. Wir geben in Österreich jährlich zwischen zwei und fünf Prozent, je nach den Preisen auf den internationalen Märkten, unserer gesamten Wirtschaftsleistung für den Import fossiler Energie aus. Künftig kann allein Tirol einen Realeinkommenstransfer ans Ausland in der Größenordnung von einer Milliarde Euro pro Jahr vermeiden, wenn die Unabhängigkeit von diesen Energieträgern gelingt. Ein weiterer zentraler Aspekt: Durch den Pumpspeicher Versetz können jährlich bis zu 590.000 Tonnen CO2e im Gegenwert von rund 70 Millionen Euro eingespart werden.
bei Dipl.-Ing. Dr.techn. Gerald Zenz
Professor Emeritus an der TU Graz
Welchen Stellenwert haben Pumpspeicherkraftwerke aus Ihrer Sicht für die Energiewende, und welche Rolle spielen sie in der künftigen Energieversorgung?
Folgendes ist wichtig: Die Energiewende gelingt nur, wenn wir genügend CO₂-freien Strom bereitstellen können. Neben dem Ausbau von Erzeugungskapazitäten und Übertragungsleitungen besteht die große Herausforderung darin, zu jedem Zeitpunkt genau so viel elektrische Energie bereitzustellen, wie gerade benötigt wird. Sowohl ein Überschuss als auch ein Mangel im Netz können zu Instabilitäten und im schlimmsten Fall zu einem großflächigen Stromausfall – einem Blackout – führen. Die Ursachen für einen Blackout sind oft sehr komplex. Eine stabile Stromversorgung hängt jedoch besonders von zwei Faktoren ab: Anlagen, die sich sehr flexibel einsetzen lassen, und dazu Kraftwerke mit rotierenden Massen, die Schwankungen im Netz ausgleichen. Wie gravierend die Folgen sein können, wurde uns erst kürzlich beim schweren Blackout in Spanien leider eindrücklich vor Augen geführt.
Pumpspeicherkraftwerke sind dabei wahre Alleskönner: Sie können überschüssigen Strom blitzschnell speichern – und genauso schnell wieder ins Netz zurückgeben. Wird die gespeicherte Energie wieder in Form von Strom bereitgestellt, erreichen sie für industrielle Anwendungen einen beeindruckenden Wirkungsgrad von rund 80 %. Die einzelnen Anlagen sind auf maximale Leistung und großes Speichervolumen ausgelegt. So können sie nicht nur kurzfristige Stromüberschüsse ausgleichen, sondern auch bei plötzlichem Ausfall von Solar- oder Windenergie sofort einspringen und zuverlässig den Bedarf decken.
Elektrische Energie wird in unserer zukünftigen Energieversorgung eine noch wichtigere Rolle spielen – dafür müssen wir für die Energiewende in Österreich unsere jährliche Stromerzeugung ungefähr verdoppeln. Weil Sonne, Wind und andere Erneuerbare jedoch nicht immer gleich viel liefern, brauchen wir verlässliche Möglichkeiten, Schwankungen auszugleichen – sowohl in der Leistung als auch in der Energiemenge. Genau hier kommen Pumpspeicherkraftwerke ins Spiel: Sie können diese Aufgabe nachhaltig, effizient und im großen Maßstab übernehmen – und sind damit ein Schlüsselbaustein für eine stabile und klimafreundliche Stromversorgung.
Die Notwendigkeit neuer Pumpspeicherkraftwerke wird häufig diskutiert. Was sind die entscheidenden Gründe dafür, dass wir in Österreich und Europa zusätzliche Anlagen benötigen?
Mehr Strom aus erneuerbaren Quellen bedeutet auch: Die Produktion schwankt stärker – oft unabhängig davon, wie viel gerade verbraucht wird. Deshalb brauchen wir nicht nur schnelle Ausgleichsmöglichkeiten, sondern auch Speicher, die Energie über längere Zeiträume vorhalten können.
Am besten gelingt das mit Pumpspeicherkraftwerken. Studien zeigen: Schon Speicher im Umfang von etwa 5 bis 10 % des jährlichen Stromverbrauchs reichen aus, um selbst bei hoher Schwankung in der Erzeugung eine stabile und zuverlässige Versorgung zu sichern.
Außerdem sollten wir nicht vergessen: Die Energieversorgung ist eine gesamteuropäische Aufgabe. Gerade die Alpenländer – allen voran Österreich – können hier viel beitragen. Dank der großen nutzbaren Höhenunterschiede zwischen zwei Wasserspeichern lassen sich Pumpspeicherkraftwerke besonders effizient betreiben und leisten so einen wichtigen Beitrag zu einer stabilen Stromversorgung.
Warum sind Pumpspeicherkraftwerke aus wissenschaftlicher Sicht auch mit Blick in die Zukunft eine moderne Technologie?
Pumpspeicherkraftwerke sind keine kurzfristige Lösung, sondern eine Investition für Generationen. Der Energieaufwand für ihren Bau steht in einem hervorragenden Verhältnis zu dem Strom, den sie über ihre gesamte Lebensdauer liefern – das gilt übrigens für alle Wasserkraftwerke. Ihr ökologischer Fußabdruck und die CO₂-Belastung sind dabei äußerst gering. Geplant wird stets mit Blick auf die Zukunft: Bauwerke, Maschinen und elektrische Anlagen entsprechen dem neuesten Stand der Technik und sind so ausgelegt, dass sie über Jahrzehnte zuverlässig arbeiten. Während maschinenbauliche Komponenten oft 60 Jahre im Einsatz bleiben, können die Bauwerke selbst problemlos mehr als ein Jahrhundert bestehen – und so auch für zukünftige Generationen einen wichtigen Beitrag zur sicheren und sauberen Energieversorgung leisten.
Wie innovativ und anpassungsfähig Pumpspeicherkraftwerke sind, zeigt sich eindrucksvoll an neuesten Entwicklungen wie dem Betrieb der Anlagen im hydraulischen Kurzschluss oder dem Einsatz drehzahlvariabler Maschinensätze. So können sie optimal auf aktuelle Anforderungen reagieren. Das Beste daran: Speicherbecken, Absperrbauwerke und Betriebseinrichtungen bleiben erhalten – sie werden einfach in einer angepassten Betriebsweise weiter genutzt.
Welche Stärken zeichnen Pumpspeicherkraftwerke aus, insbesondere im Vergleich zu anderen Speichertechnologien wie Batterien?
Im Vergleich zu Batteriespeichern spielen Pumpspeicherkraftwerke in einer ganz anderen Liga – sowohl bei der maximal abrufbaren Leistung als auch bei der Energiemenge, die gespeichert werden kann. Unter realistischen ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen können Batterien diesen Umfang nicht leisten. Hinzu kommt: Für viele Batteriesysteme werden seltene Erden und Rohstoffe benötigt, deren Gewinnung häufig mit hohen Umweltbelastungen und fragwürdigen sozialen Bedingungen verbunden ist.
Pumpspeicherkraftwerke hingegen punkten gleich mehrfach: Sie sind langlebig, nachhaltig und können enorme Energiemengen effizient speichern und bereitstellen – und das über viele Jahrzehnte. Zudem bleibt die Wertschöpfung im Land: Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung schaffen Arbeitsplätze und Know-how vor Ort. So tragen Pumpspeicher nicht nur zur sicheren Energieversorgung, sondern auch zur Stärkung der regionalen Wirtschaft bei.
bei Dipl.-Ing. Michael Holzmann
Talsperrenverantwortlicher
TIWAG
Was wird am Speicher Gepatsch gemessen bzw. überwacht und was passiert mit den Daten?
An mehr als 500 Stellen werden am Speicher Gepatsch Messungen durchgeführt. Diese erfolgen dabei periodisch oder innerhalb sehr kurzer Zeitspannen. Ausgewählte Messwerte werden in der zentralen Erzeugerleitstelle von qualifiziertem Personal rund um die Uhr überwacht. Bei Überschreiten eines definierten Grenzwertes wird der diensthabende Talsperrenverantwortliche informiert. Dieser hat dann die Situation zu beurteilen und bei Bedarf Maßnahmen festzulegen. Ein Beispiel für eine Überschreitung eines Grenzwertes ist der Anstieg des Grundwasserstandes unterhalb des Dammes aufgrund der Schneeschmelze. Die Informationen und Messdaten, welche über ein Betriebsjahr anfallen, werden vom Talsperrenverantwortlichen in einem Jahresbericht beurteilt und mit den Daten aus 60 Jahren Betriebserfahrung verglichen. Dieser Jahresbericht wird an die zuständigen Behörden bzw. deren unabhängigen ExpertInnen zur Überprüfung geschickt.
Welchen Einfluss haben Naturgefahren auf die Sicherheit des Speichers Gepatsch?
Naturgefahren wie Hochwasser, Muren, Steinschlag oder Lawinen sind in hochalpinen Gebieten nichts Ungewöhnliches. Daher werden deren Auswirkungen auf den Speicher bzw. den Staudamm untersucht und beurteilt. Aufgrund des konservativen Entwurfs des Staudammes und der Bewirtschaftung des Speichers haben solche Ereignisse keine Auswirkungen auf die Sicherheit. In den Sommermonaten werden z.B. Speichervolumen freigehalten, um Hochwässer aus dem Einzugsgebiet des Speichers Gepatsch aufzufangen und die unterliegenden Ortschaften zu entlasten.
Welche Maßnahmen sind für die Sicherheit des Speichers Platzertal vorgesehen?
Grundlage für einen sicheren Betrieb des Speichers Platzertal sind ein konservativer Entwurf, eine qualitätsgesicherte Errichtung sowie die gründliche Instandhaltung und gewissenhafte Überwachung. Das hintere Platzertal wurde in mehreren Kampagnen erkundet und untersucht und als idealer Speicherstandort beurteilt. Entwurf und Bemessung des Staudammes folgen einer bewährten Bauweise, welche in der TIWAG bereits seit Jahrzehnten mit dem Staudamm Finstertal erfolgreich im Einsatz ist.
bei Dipl.-Ing. Oliver Rathschüler
UVP- Experte
freiland Umweltconsulting ZT GmbH
Wie wird die Öffentlichkeit konkret in den Prozess der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) eingebunden? Wie kann man sich einbringen?
Es gibt mehrere gesetzlich festgelegte Schritte im Verfahren, bei denen die Öffentlichkeit eingebunden wird.
Erster Schritt ist die öffentliche Auflage der Einreichunterlagen für das Vorhaben. Diese werden auf der Homepage der UVP-Behörde bereitgestellt. Zusätzlich können sie bei der UVP-Behörde und in den berührten Gemeinden eingesehen werden. Während der mindestens sechswöchigen öffentlichen Auflage kann jeder und jede eine Stellungnahme abgeben. Diese muss an die UVP-Behörde des Landes Tirol geschickt werden. Details dazu, wie und wo die Stellungnahmen eingereicht werden können, stehen in der Kundmachung über die öffentliche Auflage, die auch in Tageszeitungen veröffentlicht wird. Für direkt Betroffene ist es wichtig, sich zu diesem Zeitpunkt zu äußern, um ihre Rechte im Verfahren zu wahren; darauf wird in der Kundmachung gesondert hingewiesen. Die Sachverständigen der UVP-Behörde setzen sich dann im Umweltverträglichkeitsgutachten nicht nur mit dem Vorhaben und den Einreichunterlagen, sondern auch mit diesen Stellungnahmen auseinander.
Die von den Sachverständigen der UVP-Behörde erstellten Umweltverträglichkeitsgutachten werden ebenfalls öffentlich aufgelegt. Es kann dann zu diesen Gutachten nochmals ausführlich Stellung genommen werden. Ab diesem Verfahrensstadium steht die Stellungnahmemöglichkeit all jenen offen, die im Verfahren Parteistellung haben.
Bis zur mündlichen Verhandlung kann die UVP-Behörde weitere Möglichkeiten für die Einbringung schriftlicher Stellungnahmen eröffnen. Trifft sie dazu keine Regelungen, kann bis spätestens eine Woche vor der mündlichen UVP-Verhandlung jederzeit eine Stellungnahme abgegeben werden.
Schließlich haben Personen, die als Partei anerkannt sind, auch in der mündlichen Verhandlung die Gelegenheit, ihre Anliegen vorzutragen. Sie können Fragen stellen sowie ihre Anliegen und Einwendungen vortragen.
Neben diesen gesetzlich vorgegebenen Rahmen setzt TIWAG auf die laufende Information der EntscheidungsträgerInnen und der Bevölkerung in der Region des Pumpspeichers Versetz: Von regelmäßigen Infodialogen bis hin zu Infomärkten, bei denen ExpertInnen zu den Projektdetails Rede und Antwort stehen.
Was sind die nächsten Schritte, die im Verfahren zum Ausbau Kraftwerk Kaunertal anstehen?
Ende März 2025 wurde das Vorhaben zur Prüfung und Genehmigung bei der UVP-Behörde eingereicht. Dann prüfen die Sachverständigen der Behörde die Unterlagen auf deren Vollständigkeit. Sind sie vollständig, werden die Unterlagen öffentlich aufgelegt.
Wo und wann bekomme ich Informationen zu den Einreichunterlagen?
Im Rahmen der öffentlichen Auflage kann sich jeder und jede die Einreichunterlagen auf der Website der UVP-Behörde, bei der UVP-Behörde und in den Standortgemeinden ansehen. Darüber hinaus hat TIWAG bei drei Infomärkten im Frühjahr 2025 in Feichten, Landeck und Imst aus erster Hand über alle Details zur Erweiterung Kaunertal und zur UVP informiert.
An wen kann ich mich als BürgerIn wenden, wenn ich Fragen zur UVP habe?
Erste Ansprechstelle zum UVP-Verfahren ist die zuständige UVP-Behörde. Das ist beim Pumpspeicher Versetz das Amt der Tiroler Landesregierung. Wichtige Infos rund um die UVP im Allgemeinen gibt es online auf www.tirol.gv.at/umwelt/umweltrecht/umweltvertraeglichkeitspruefung/
bei Dipl. Ing. Christoph Wulz
Energiewirtschaftsexperte TIWAG
Könnte der Pumpspeicher Versetz durch Batteriespeicher ersetzt werden?
Das ist keine Entweder-oder-Frage. Für die Energiewende benötigen wir kurz-, mittel- und langzeitige Speicher. Denn mit dem notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien wie Windkraft oder PV wird der Speicherbedarf sehr stark zunehmen, weil Energie aus Zeiten mit hohen Erzeugungen aus Erneuerbaren Energien und damit temporären Überschüssen in Zeiten mit geringer Erzeugung aus Erneuerbaren Energien verlagert werden muss. Für eine kurzzeitige Verlagerung sind nur verhältnismäßig kleine Speicher ausreichend und damit bilden Batterien hier eine Alternative. Langzeitig – also für die Tages- bis Wochenspeicherung und darüber hinaus – sind aber die (Pump-)Speicherkraftwerke mit ihrer enormen Speicherkapazität ein entscheidender Faktor,
um Wind- und Sonnenenergie in das Energiesystem bestmöglich zu integrieren. Darüber hinaus leisten sie einen wichtigen Beitrag zu stabilen Netzen und damit zur sicheren Stromversorgung.
Es gibt den Vorschlag, im Rahmen des Erweiterungsprojektes Kühtai dort ein zusätzliches Pumpspeicherkraftwerk zu errichten und auf den Speicher im Platzertal zu verzichten. Wie beurteilen Sie diese Idee?
TIWAG hat diese Idee umfassend geprüft. Das Ergebnis: Die vorgeschlagenen Anlagen in Kühtai schaffen keine zusätzlich notwendigen Speicherkapazitäten, um dann Strom in erforderlichem Ausmaß zu liefern, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Umgekehrt können sie bei Starkwindphasen oder hoher PV-Erzeugung die entstehenden Überschüsse in zeitlich nur sehr begrenztem Umfang aufnehmen. Hier würde nur auf eine reine Leistungserweiterung gesetzt, was wir aber dringend brauchen ist Energie und zusätzliche Speicherkapazität. Die vorgeschlagene Idee ist daher mit dem Projekt im Kaunertal nicht vergleichbar.
Ein vereinfachtes Beispiel:
Ein E-Bike hat verschiedene Leistungsstufen. Mit dem EcoModus kann ich mit einer Akkuladung eine viel weitere Distanz zurücklegen als im Turbo-Modus. Warum ist das so? Im Turbomodus benötigt das E-Bike eine höhere Leistung, sodass sich die Reichweite im Vergleich zum Eco-Modus verringert.
Um es auf die Erweiterung den Pumpspeicher Versetz umzumünzen: TIWAG setzt mit dem neuen Speicher Platzertal auf eine Erhöhung der Speicherkapazität und somit der „Reichweite“, um so die Integration der schwankenden Wind- und PV-Erzeugung auch über längere Phasen bestmöglich bewerkstelligen zu können. Die vorgeschlagene Idee zur Erweiterung im Kühtai würde hingegen nur die Leistung und nicht die Speicherkapazität erhöhen, was quasi einer Reduktion der „Reichweite“ der Speicher im Kühtai entspricht.