Nachgefragt...

bei Dipl.-Ing. Dr.techn. Gerald Zenz

Professor Emeritus an der TU Graz

Folgendes ist wichtig: Die Energiewende gelingt nur, wenn wir genügend CO₂-freien Strom bereitstellen können. Neben dem Ausbau von Erzeugungskapazitäten und Übertragungsleitungen besteht die große Herausforderung darin, zu jedem Zeitpunkt genau so viel elektrische Energie bereitzustellen, wie gerade benötigt wird. Sowohl ein Überschuss als auch ein Mangel im Netz können zu Instabilitäten und im schlimmsten Fall zu einem großflächigen Stromausfall – einem Blackout – führen. Die Ursachen für einen Blackout sind oft sehr komplex. Eine stabile Stromversorgung hängt jedoch besonders von zwei Faktoren ab: Anlagen, die sich sehr flexibel einsetzen lassen, und dazu Kraftwerke mit rotierenden Massen, die Schwankungen im Netz ausgleichen. Wie gravierend die Folgen sein können, wurde uns erst kürzlich beim schweren Blackout in Spanien leider eindrücklich vor Augen geführt.

Pumpspeicherkraftwerke sind dabei wahre Alleskönner: Sie können überschüssigen Strom blitzschnell speichern – und genauso schnell wieder ins Netz zurückgeben. Wird die gespeicherte Energie wieder in Form von Strom bereitgestellt, erreichen sie für industrielle Anwendungen einen beeindruckenden Wirkungsgrad von rund 80 %. Die einzelnen Anlagen sind auf maximale Leistung und großes Speichervolumen ausgelegt. So können sie nicht nur kurzfristige Stromüberschüsse ausgleichen, sondern auch bei plötzlichem Ausfall von Solar- oder Windenergie sofort einspringen und zuverlässig den Bedarf decken.

Elektrische Energie wird in unserer zukünftigen Energieversorgung eine noch wichtigere Rolle spielen – dafür müssen wir für die Energiewende in Österreich unsere jährliche Stromerzeugung ungefähr verdoppeln. Weil Sonne, Wind und andere Erneuerbare jedoch nicht immer gleich viel liefern, brauchen wir verlässliche Möglichkeiten, Schwankungen auszugleichen – sowohl in der Leistung als auch in der Energiemenge. Genau hier kommen Pumpspeicherkraftwerke ins Spiel: Sie können diese Aufgabe nachhaltig, effizient und im großen Maßstab übernehmen – und sind damit ein Schlüsselbaustein für eine stabile und klimafreundliche Stromversorgung.

Mehr Strom aus erneuerbaren Quellen bedeutet auch: Die Produktion schwankt stärker – oft unabhängig davon, wie viel gerade verbraucht wird. Deshalb brauchen wir nicht nur schnelle Ausgleichsmöglichkeiten, sondern auch Speicher, die Energie über längere Zeiträume vorhalten können.

Am besten gelingt das mit Pumpspeicherkraftwerken. Studien zeigen: Schon Speicher im Umfang von etwa 5 bis 10 % des jährlichen Stromverbrauchs reichen aus, um selbst bei hoher Schwankung in der Erzeugung eine stabile und zuverlässige Versorgung zu sichern.

Außerdem sollten wir nicht vergessen: Die Energieversorgung ist eine gesamteuropäische Aufgabe. Gerade die Alpenländer – allen voran Österreich – können hier viel beitragen. Dank der großen nutzbaren Höhenunterschiede zwischen zwei Wasserspeichern lassen sich Pumpspeicherkraftwerke besonders effizient betreiben und leisten so einen wichtigen Beitrag zu einer stabilen Stromversorgung.

Pumpspeicherkraftwerke sind keine kurzfristige Lösung, sondern eine Investition für Generationen. Der Energieaufwand für ihren Bau steht in einem hervorragenden Verhältnis zu dem Strom, den sie über ihre gesamte Lebensdauer liefern – das gilt übrigens für alle Wasserkraftwerke. Ihr ökologischer Fußabdruck und die CO₂-Belastung sind dabei äußerst gering. Geplant wird stets mit Blick auf die Zukunft: Bauwerke, Maschinen und elektrische Anlagen entsprechen dem neuesten Stand der Technik und sind so ausgelegt, dass sie über Jahrzehnte zuverlässig arbeiten. Während maschinenbauliche Komponenten oft 60 Jahre im Einsatz bleiben, können die Bauwerke selbst problemlos mehr als ein Jahrhundert bestehen – und so auch für zukünftige Generationen einen wichtigen Beitrag zur sicheren und sauberen Energieversorgung leisten.

Wie innovativ und anpassungsfähig Pumpspeicherkraftwerke sind, zeigt sich eindrucksvoll an neuesten Entwicklungen wie dem Betrieb der Anlagen im hydraulischen Kurzschluss oder dem Einsatz drehzahlvariabler Maschinensätze. So können sie optimal auf aktuelle Anforderungen reagieren. Das Beste daran: Speicherbecken, Absperrbauwerke und Betriebseinrichtungen bleiben erhalten – sie werden einfach in einer angepassten Betriebsweise weiter genutzt.

Im Vergleich zu Batteriespeichern spielen Pumpspeicherkraftwerke in einer ganz anderen Liga – sowohl bei der maximal abrufbaren Leistung als auch bei der Energiemenge, die gespeichert werden kann. Unter realistischen ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen können Batterien diesen Umfang nicht leisten. Hinzu kommt: Für viele Batteriesysteme werden seltene Erden und Rohstoffe benötigt, deren Gewinnung häufig mit hohen Umweltbelastungen und fragwürdigen sozialen Bedingungen verbunden ist.

Pumpspeicherkraftwerke hingegen punkten gleich mehrfach: Sie sind langlebig, nachhaltig und können enorme Energiemengen effizient speichern und bereitstellen – und das über viele Jahrzehnte. Zudem bleibt die Wertschöpfung im Land: Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung schaffen Arbeitsplätze und Know-how vor Ort. So tragen Pumpspeicher nicht nur zur sicheren Energieversorgung, sondern auch zur Stärkung der regionalen Wirtschaft bei.

Dipl. Ing. Michael Holzmann, Talsperrenverantwortlicher TIWAG

bei Dipl.-Ing. Michael Holzmann

Talsperrenverantwortlicher TIWAG

An mehr als 500 Stellen werden am Speicher Gepatsch Messungen durchgeführt. Diese erfolgen dabei periodisch oder innerhalb sehr kurzer Zeitspannen. Ausgewählte Messwerte werden in der zentralen Erzeugerleitstelle von qualifiziertem Personal rund um die Uhr überwacht. Bei Überschreiten eines definierten Grenzwertes wird der diensthabende Talsperrenverantwortliche informiert. Dieser hat dann die Situation zu beurteilen und bei Bedarf Maßnahmen festzulegen. Ein Beispiel für eine Überschreitung eines Grenzwertes ist der Anstieg des Grundwasserstandes unterhalb des Dammes aufgrund der Schneeschmelze. Die Informationen und Messdaten, welche über ein Betriebsjahr anfallen, werden vom Talsperrenverantwortlichen in einem Jahresbericht beurteilt und mit den Daten aus 60 Jahren Betriebserfahrung verglichen. Dieser Jahresbericht wird an die zuständigen Behörden bzw. deren unabhängigen ExpertInnen zur Überprüfung geschickt.

Naturgefahren wie Hochwasser, Muren, Steinschlag oder Lawinen sind in hochalpinen Gebieten nichts Ungewöhnliches. Daher werden deren Auswirkungen auf den Speicher bzw. den Staudamm untersucht und beurteilt. Aufgrund des konservativen Entwurfs des Staudammes und der Bewirtschaftung des Speichers haben solche Ereignisse keine Auswirkungen auf die Sicherheit. In den Sommermonaten werden z.B. Speichervolumen freigehalten, um Hochwässer aus dem Einzugsgebiet des Speichers Gepatsch aufzufangen und die unterliegenden Ortschaften zu entlasten.

Grundlage für einen sicheren Betrieb des Speichers Platzertal sind ein konservativer Entwurf, eine qualitätsgesicherte Errichtung sowie die gründliche Instandhaltung und gewissenhafte Überwachung. Das hintere Platzertal wurde in mehreren Kampagnen erkundet und untersucht und als idealer Speicherstandort beurteilt. Entwurf und Bemessung des Staudammes folgen einer bewährten Bauweise, welche in der TIWAG bereits seit Jahrzehnten mit dem Staudamm Finstertal erfolgreich im Einsatz ist. 

bei Dipl.-Ing. Oliver Rathschüler

UVP- Experte
freiland Umweltconsulting ZT GmbH

Es gibt mehrere gesetzlich festgelegte Schritte im Verfahren, bei denen die Öffentlichkeit eingebunden wird.

Erster Schritt ist die öffentliche Auflage der Einreichunterlagen für das Vorhaben. Diese werden auf der Homepage der UVP-Behörde bereitgestellt. Zusätzlich können sie bei der UVP-Behörde und in den berührten Gemeinden eingesehen werden. Während der mindestens sechswöchigen öffentlichen Auflage kann jeder und jede eine Stellungnahme abgeben. Diese muss an die UVP-Behörde des Landes Tirol geschickt werden. Details dazu, wie und wo die Stellungnahmen eingereicht werden können, stehen in der Kundmachung über die öffentliche Auflage, die auch in Tageszeitungen veröffentlicht wird. Für direkt Betroffene ist es wichtig, sich zu diesem Zeitpunkt zu äußern, um ihre Rechte im Verfahren zu wahren; darauf wird in der Kundmachung gesondert hingewiesen. Die Sachverständigen der UVP-Behörde setzen sich dann im Umweltverträglichkeitsgutachten nicht nur mit dem Vorhaben und den Einreichunterlagen, sondern auch mit diesen Stellungnahmen auseinander.

Die von den Sachverständigen der UVP-Behörde erstellten Umweltverträglichkeitsgutachten werden ebenfalls öffentlich aufgelegt. Es kann dann zu diesen Gutachten nochmals ausführlich Stellung genommen werden. Ab diesem Verfahrensstadium steht die Stellungnahmemöglichkeit all jenen offen, die im Verfahren Parteistellung haben.

Bis zur mündlichen Verhandlung kann die UVP-Behörde weitere Möglichkeiten für die Einbringung schriftlicher Stellungnahmen eröffnen. Trifft sie dazu keine Regelungen, kann bis spätestens eine Woche vor der mündlichen UVP-Verhandlung jederzeit eine Stellungnahme abgegeben werden.

Schließlich haben Personen, die als Partei anerkannt sind, auch in der mündlichen Verhandlung die Gelegenheit, ihre Anliegen vorzutragen. Sie können Fragen stellen sowie ihre Anliegen und Einwendungen vortragen.

Neben diesen gesetzlich vorgegebenen Rahmen setzt TIWAG auf die laufende Information der EntscheidungsträgerInnen und der Bevölkerung in der Region des Pumpspeichers Versetz: Von regelmäßigen Infodialogen bis hin zu Infomärkten, bei denen ExpertInnen zu den Projektdetails Rede und Antwort stehen.

Ende März 2025 wurde das Vorhaben zur Prüfung und Genehmigung bei der UVP-Behörde eingereicht. Dann prüfen die Sachverständigen der Behörde die Unterlagen auf deren Vollständigkeit. Sind sie vollständig, werden die Unterlagen öffentlich aufgelegt.

Im Rahmen der öffentlichen Auflage kann sich jeder und jede die Einreichunterlagen auf der Website der UVP-Behörde, bei der UVP-Behörde und in den Standortgemeinden ansehen. Darüber hinaus hat TIWAG bei drei Infomärkten im Frühjahr 2025 in Feichten, Landeck und Imst aus erster Hand über alle Details zur Erweiterung Kaunertal und zur UVP informiert.

Erste Ansprechstelle zum UVP-Verfahren ist die zuständige UVP-Behörde. Das ist beim Pumpspeicher Versetz das Amt der Tiroler Landesregierung. Wichtige Infos rund um die UVP im Allgemeinen gibt es online auf  www.tirol.gv.at/umwelt/umweltrecht/umweltvertraeglichkeitspruefung/

bei Dipl. Ing. Christoph Wulz

Energiewirtschaftsexperte TIWAG

Das ist keine Entweder-oder-Frage. Für die Energiewende benötigen wir kurz-, mittel- und langzeitige Speicher. Denn mit dem notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien wie Windkraft oder PV wird der Speicherbedarf sehr stark zunehmen, weil Energie aus Zeiten mit hohen Erzeugungen aus Erneuerbaren Energien und damit temporären Überschüssen in Zeiten mit geringer Erzeugung aus Erneuerbaren Energien verlagert werden muss. Für eine kurzzeitige Verlagerung sind nur verhältnismäßig kleine Speicher ausreichend und damit bilden Batterien hier eine Alternative. Langzeitig – also für die Tages- bis Wochenspeicherung und darüber hinaus – sind aber die (Pump-)Speicherkraftwerke mit ihrer enormen Speicherkapazität ein entscheidender Faktor,
um Wind- und Sonnenenergie in das Energiesystem bestmöglich zu integrieren. Darüber hinaus leisten sie einen wichtigen Beitrag zu stabilen Netzen und damit zur sicheren Stromversorgung.

TIWAG hat diese Idee umfassend geprüft. Das Ergebnis: Die vorgeschlagenen Anlagen in Kühtai schaffen keine zusätzlich notwendigen Speicherkapazitäten, um dann Strom in erforderlichem Ausmaß zu liefern, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Umgekehrt können sie bei Starkwindphasen oder hoher PV-Erzeugung die entstehenden Überschüsse in zeitlich nur sehr begrenztem Umfang aufnehmen. Hier würde nur auf eine reine Leistungserweiterung gesetzt, was wir aber dringend brauchen ist Energie und zusätzliche Speicherkapazität. Die vorgeschlagene Idee ist daher mit dem Projekt im Kaunertal nicht vergleichbar.

Ein vereinfachtes Beispiel:
Ein E-Bike hat verschiedene Leistungsstufen. Mit dem EcoModus kann ich mit einer Akkuladung eine viel weitere Distanz zurücklegen als im Turbo-Modus. Warum ist das so? Im Turbomodus benötigt das E-Bike eine höhere Leistung, sodass sich die Reichweite im Vergleich zum Eco-Modus verringert.

Um es auf die Erweiterung den Pumpspeicher Versetz umzumünzen: TIWAG setzt mit dem neuen Speicher Platzertal auf eine Erhöhung der Speicherkapazität und somit der „Reichweite“, um so die Integration der schwankenden Wind- und PV-Erzeugung auch über längere Phasen bestmöglich bewerkstelligen zu können. Die vorgeschlagene Idee zur Erweiterung im Kühtai würde hingegen nur die Leistung und nicht die Speicherkapazität erhöhen, was quasi einer Reduktion der „Reichweite“ der Speicher im Kühtai entspricht.